Zum Inhalt springen

Bewegung, Essen, Schlaf und Kopf im Alltag.

Vitalrevue

Psyche und Stress

Progressive Muskelentspannung: Anleitung für Einsteiger

Anspannen, halten, loslassen: Progressive Muskelentspannung nach Jacobson lässt sich zu Hause lernen. Die Anleitung zeigt die Reihenfolge der Muskelgruppen, das Timing und einen Übungsplan für acht Wochen.

Von Redaktion 7 Min. Lesezeit

Weitersagen
Nahaufnahme einer zur Faust geballten Hand mit Unterarm vor hellem, graugrünem Hintergrund, am Handgelenk zeichnen sich Hautfalten ab
Foto: HeikeFrohnhoff / Pixabay, Pixabay-Inhaltslizenz

Die Anleitung zur progressiven Muskelentspannung passt in einen Satz: eine Muskelgruppe 5 bis 10 Sekunden anspannen, dann rund 30 Sekunden locker lassen und auf den Unterschied achten, danach kommt die nächste Gruppe dran. Bis die Entspannung im Alltag auf Abruf gelingt, sind laut Praxisleitfaden der Deutschen Rentenversicherung 30 bis 50 selbstständige Übungsdurchgänge nötig.

Das Verfahren heißt auch PMR nach Jacobson. Es gilt als vergleichsweise leicht erlernbar und ist in der medizinischen Reha das am häufigsten eingesetzte Entspannungsverfahren, so die Rentenversicherung. Gesundheitsbewusste Erwachsene ohne Vorerkrankung können es allein zu Hause lernen.

Wer eine Psychose, eine schwere Depression, Epilepsie, Asthma, eine Muskel- oder Gelenkerkrankung oder eine schwere Herz-Kreislauf-Erkrankung hat oder in einer fortgeschrittenen Schwangerschaft ist, sollte vor dem Üben ärztlich abklären lassen, ob und in welcher Form PMR passt. Treten beim Üben Herzrasen, Atemnot, Schwindel oder Panik auf, die Übung abbrechen. Bei anhaltenden Beschwerden gehört das in ärztliche Hände.

Wie PMR nach Jacobson funktioniert

Der US-Physiologe Edmund Jacobson beobachtete 1929, dass die Muskelspannung bei Unruhe und Angst steigt, und umgekehrt die Angst nachlässt, wenn die Muskeln locker werden. Das schreiben die psychiatrischen Fachgesellschaften auf ihrem Portal „Neurologen und Psychiater im Netz“. Seine ursprüngliche Methode umfasste über 50 Sitzungen. Die heutigen Kursfassungen kommen mit weniger Übungen aus und lassen sich in wenigen Stunden lernen.

Anzeige

Anzeigenplatz für Sport, Ernährung, Schlaf und Pflege.

Mediadaten

Der Trick: Ein Muskel lässt sich tiefer entspannen, wenn er vorher bewusst angespannt wurde. Mit der Zeit zieht die Entspannung über den ganzen Körper. Nach dem Leitfaden der Rentenversicherung sinken dabei Muskeltonus, Herzfrequenz und Blutdruck, der Parasympathikus übernimmt. Fast genauso nützlich ist ein Nebeneffekt: Wer regelmäßig übt, merkt früher, wann sich im Alltag der Nacken oder der Kiefer verkrampft.

Vorbereitung: Ort, Haltung, Kleidung

  • Einen ruhigen Raum wählen und für 20 bis 30 Minuten ungestört sein, das Handy stumm schalten.
  • Lockere Kleidung tragen, Gürtel, Brille und enge Uhren ablegen.
  • Für den Anfang liegen, etwa auf einer Matte oder dem Bett. Später sitzend auf einem Stuhl üben, damit die Technik auch im Büro funktioniert.
  • Die Augen schließen. Wer dabei Angst vor Kontrollverlust spürt, lässt sie offen und fixiert einen Punkt, so die Übungsanleitung der MediClin-Kliniken.
  • Husten oder Niesen nicht unterdrücken, das baut neue Spannung auf.

Die Anleitung Schritt für Schritt

Jede Muskelgruppe durchläuft denselben Ablauf. Der Österreichische Herzverband empfiehlt 5 bis 10 Sekunden Anspannung und 30 Sekunden Lösen beim Ausatmen.

  1. Aufmerksamkeit auf die Muskelgruppe richten.
  2. Anspannen, deutlich spürbar, aber ohne Schmerz. „Normal stark“ reicht, maximale Kraft ist nicht das Ziel.
  3. Spannung 5 bis 10 Sekunden halten und ruhig weiteratmen. Nicht pressen und nicht die Luft anhalten.
  4. Mit dem Ausatmen schlagartig loslassen, nicht langsam.
  5. Etwa 30 Sekunden nachspüren: Wird der Bereich warm, schwer, kribbelig? Dann zur nächsten Gruppe.

Die Reihenfolge folgt dem Weg, den auch die Fachgesellschaften beschreiben: von der rechten Hand über die Arme zu Gesicht und Nacken, dann Rücken und Bauch, zuletzt Beine und Füße. Linkshänder beginnen mit links.

MuskelgruppeSo wird angespanntWorauf achten
Rechte Hand und UnterarmFaust ballenFingernägel nicht in die Haut drücken
Rechter OberarmArm anwinkeln, Ellenbogen in die Unterlage drückenHand bleibt locker
Linke Hand und UnterarmFaust ballenrechte Seite bleibt entspannt
Linker Oberarmwie rechtsSchultern unten lassen
StirnAugenbrauen hochziehen, Stirn runzelnnicht die Augen aufreißen
Augen und NaseAugen zukneifen, Nase rümpfenbei Kontaktlinsen nur leicht
Kiefer und MundZähne aufeinanderlegen, Lippen pressennicht knirschen
NackenKinn leicht Richtung Brust ziehenKopf nicht ruckartig bewegen
Schultern und oberer RückenSchultern Richtung Ohren ziehenkein Hohlkreuz
BauchBauchdecke fest machenweiteratmen
Gesäß und OberschenkelGesäß und Oberschenkel anspannenKnie nicht durchdrücken
Unterschenkel und FüßeZehen Richtung Nase ziehenFußsohlen nicht verkrampfen, Krampfgefahr

Zum Schluss die Muskelgruppen noch einmal in Gedanken von den Füßen bis zum Gesicht durchgehen. Dann folgt die Rücknahme in vier Schritten, wie sie die MediClin-Anleitung beschreibt: Hände bewegen, Arme bewegen, den ganzen Körper strecken, Augen öffnen. Wer abends im Bett zum Einschlafen übt, lässt die Rücknahme weg.

Wie lange eine Übung dauert: ein Rechenbeispiel

Die Dauer ergibt sich aus dem Takt. Bei 12 Muskelgruppen mit je 7 Sekunden Anspannung und 30 Sekunden Lösen kommen 12 × 37 Sekunden = 444 Sekunden zusammen, rund 7,5 Minuten. Wird jede Gruppe zweimal durchlaufen, wie es manche Anleitungen vorsehen, ergibt das knapp 15 Minuten. Mit Einstimmung, Nachspüren und Rücknahme dauert die Langform 20 bis 25 Minuten. Die Kurzform mit fünf Gruppen (Arme, Gesicht, Schultern, Bauch, Beine) kommt auf etwa 5 Minuten, so die Mini-Übung der Universität Zürich.

Übungsplan für acht Wochen

Die Langform ist zum Lernen da, die Kurzform für den Alltag. Der Plan unten ist eine Orientierung. Er verteilt die 30 bis 50 Durchgänge aus dem Leitfaden der Rentenversicherung auf acht Wochen: Bei 5 Übungstagen pro Woche kommen 40 Durchgänge zusammen. Die MediClin-Kliniken rechnen mit zwei bis drei Monaten regelmäßigem Üben.

PhaseMuskelgruppenHaltungDauer je ÜbungHäufigkeit
Woche 1–212 Gruppenliegend20–25 min5× pro Woche
Woche 3–412 Gruppensitzend20 min5× pro Woche
Woche 5–65 Gruppensitzend5 min1–2× pro Tag
Woche 7–85 Gruppen, nur Loslassensitzend oder stehend1–2 minbei Bedarf im Alltag

In der letzten Phase fällt das Anspannen weg. Es geht dann darum, sich das Gefühl des Loslassens nur noch vorzustellen, wie es die Fachgesellschaften für die fortgeschrittene Lernphase beschreiben. Erst wenn das tagsüber klappt, lohnt sich der Einsatz in schwierigen Momenten, etwa nachts bei Grübeln. Auch das betonen die Psychiater: erst lernen, dann in der Belastung anwenden.

Was die Studien zeigen

Für Stress und Anspannung ist PMR gut untersucht, Wunder sollte man aber nicht erwarten. Ein paar belastbare Punkte:

  • Chronische Rückenschmerzen: Die Nationale Versorgungsleitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz empfiehlt PMR („sollte“). Die Grundlage ist allerdings schmal, ein Cochrane-Review mit drei Studien und 74 Patienten fand kurzfristig weniger Schmerz und bessere Beweglichkeit als auf der Warteliste.
  • Schlafprobleme: Das IQWiG nennt auf gesundheitsinformation.de progressive Muskelentspannung als eine Möglichkeit bei leichten Schlafproblemen. Bei einer ausgeprägten Schlafstörung wird häufig eine kognitive Verhaltenstherapie empfohlen.
  • Spannungskopfschmerz: Die Wirksamkeit bei chronischem Spannungskopfschmerz ist nach Angaben der Fachgesellschaften belegt.
  • Krebserkrankungen: Das Kompetenznetz KOKON bewertet die Evidenz für weniger Angst als moderat bis hoch, bei Depression als niedrig bis sehr niedrig. Für Fatigue sind die Ergebnisse uneinheitlich.

PMR gilt als sicher. In seltenen Fällen kann Entspannung bei Menschen mit psychiatrischen Vorerkrankungen Unwohlsein oder Angst verstärken, so KOKON, das legt sich aber wieder. Nicht angezeigt ist das Verfahren laut den Fachgesellschaften bei akuten Psychosen, Muskelerkrankungen und Muskelkrämpfen.

Kurs mit Zuschuss der Krankenkasse

Allein mit einer Audiodatei üben funktioniert, ein Kurs hilft aber bei Fehlern im Ablauf. Gesetzliche Krankenkassen fördern Präventionskurse nach § 20 SGB V. Die Höhe des Zuschusses regelt jede Kasse in ihrer Satzung, deshalb vorher bei der eigenen Kasse nachfragen. Die Rahmenbedingungen stehen im Leitfaden Prävention des GKV-Spitzenverbands (Fassung vom 17. Dezember 2025):

  • mindestens 8 Einheiten à 45 Minuten, höchstens 12 à 90 Minuten, meist wöchentlich
  • Gruppen mit 6 bis 15 Teilnehmenden
  • Förderung für höchstens zwei Kurse pro Person und Kalenderjahr
  • eigene Kurse für Kinder ab 6 Jahren unter Einbeziehung der Familie
  • nicht geeignet für Menschen mit schweren, behandlungsbedürftigen psychischen Erkrankungen, ein Kurs ersetzt keine Psychotherapie

Vor der Förderung prüfen die Kassen oder die von ihnen beauftragte Zentrale Prüfstelle Prävention (ZPP), ob der Kurs die Qualitätskriterien erfüllt. Das gilt auch für Online-Kurse. Für die Erstattung verlangen die Kassen eine Teilnahmebescheinigung des Kursanbieters.

Häufige Fehler

  • Zu fest anspannen: Krampf statt Entspannung, vor allem in Waden und Füßen.
  • Langsam loslassen: Der Kontrast fehlt, der Effekt wird schwächer.
  • Luft anhalten beim Anspannen: Pressatmung erzeugt neue Spannung, ruhig weiteratmen gehört zur Übung.
  • Nur bei akutem Stress üben: Ohne Training klappt die Entspannung in der Stresssituation selten.
  • Schmerzende Stellen mitüben: Bei Schmerzen, frischen Verletzungen oder einem Bandscheibenvorfall diese Gruppe auslassen.

Häufige Fragen

Kann man jeden Tag progressive Muskelentspannung machen?

Ja. Tägliches Üben ist in der Lernphase sogar sinnvoll, weil die Entspannungsreaktion durch Wiederholung stabil wird. Die Kurzform lässt sich auch zweimal am Tag einbauen.

In welcher Reihenfolge werden die Muskeln angespannt?

Üblich ist: Hände und Arme, dann Gesicht, Nacken, Schultern, Rücken und Bauch, zum Schluss Beine und Füße. Wichtiger als die genaue Folge ist, sie jedes Mal gleich zu halten.

Wer sollte keine progressive Muskelentspannung machen?

Menschen mit akuter Psychose, schwerer Depression, Muskelerkrankungen oder Neigung zu Muskelkrämpfen sollten vorher ärztlich klären, ob PMR geeignet ist. Das gilt auch bei Epilepsie, Asthma, schweren Herzerkrankungen und in fortgeschrittener Schwangerschaft.

Wie lange dauert es, bis PMR wirkt?

Ein Gefühl von Ruhe stellt sich oft schon in der ersten Übung ein. Bis sich die Entspannung gezielt im Alltag auslösen lässt, dauert es nach 30 bis 50 Durchgängen meist zwei bis drei Monate.

Fazit

Progressive Muskelentspannung ist leicht zu lernen und braucht nur einen ruhigen Platz. Für den Einstieg reicht die Langform mit 12 Muskelgruppen an fünf Tagen pro Woche, nach etwa vier Wochen kommt die 5-Minuten-Kurzform dazu. Wer sich mit einer Gruppe leichter tut, nutzt einen ZPP-zertifizierten Kurs mit Kassenzuschuss. Bei psychischen oder schweren körperlichen Vorerkrankungen vorher ärztlich nachfragen.

Quellen

Weitersagen

Mehr aus Psyche und Stress